Wirtschaftsthemen

Notizen über Wirtschaft und Finanzsystem

Archive for May, 2009

Handwerkszeug für Aktionäre

leave a comment

Fondsmanager und Kreditgeber schauen sich die Unternehmen, deren Anteile sie kaufen oder denen sie ihr Geld leihen, genau an. Wirtschaftsthemen erklärt, wie Aktionäre davon profitieren können:

André Kostolany empfahl Aktien als langfristiges Investment zu kaufen und sich danach schlafen zu legen. Er empfahl jedoch nicht, irgendwelche Aktien zu kaufen. Bevor Warren Buffet eine Kaufentscheidung für ein Unternehmen trifft, besucht er die Firma und spricht mit Management und Eigentümern. Auch Banken gewähren ihren Firmenkunden keinen Kredit, ohne die Unternehmen zu kennen. Am Ende steht immer das Vertrauen in Personen, in Märkte und in Branchen. Weil niemand in die Zukunft sehen kann, muss die Unternehmensgeschichte zeigen, wie das Unternehmen in der Vergangenheit in guten, wie in schlechten Zeiten gewirtschaftet hat. Es geht dabei nicht um das Berechnen von Kurszielen für die nächsten 12 Monate auf zwei Stellen nach dem Komma, sondern um das allgemeine Erkennen von Trends, die Aufstellung der Firma und ihr Potenzial.

Gesunder Menschenverstand
Investitionsentscheidungen werden zu 80 Prozent durch den gesunden Menschenverstand und nur zu 20 Prozent durch fachliches Wissen beeinflusst. Versteht der Investor das Geschäft? Welchen Risiken ist das Unternehmen ausgesetzt. Werden sie erkannt? Wie geht das Management mit Risiken um? Welche Chancen hat die Firma. Der gesunde Menschenverstand hilft, kritisch zu bleiben und Zusammenhänge zu hinterfragen.

Geschäftsberichte
Die meisten Geschäftsberichte der grossen börsennotierten Unternehmen sind geschönt und voller Lügen. Die Vorstände wollen Aktionäre nicht verprellen und schildern auch dramatischste Entwicklungen noch in rosigen Farben. Die nächste Kapitalerhöhung oder Platzierung einer Anleihe kommt bestimmt. Selbst den nackten Zahlen ist nur wenig zu entnehmen, denn die kritischen Positionen sind versteckt, ausgelagert und nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Dennoch kann der Investor einiges erkennen, wenn er sich die letzten aufeinanderfolgenden Jahresabschlüsse ansieht und vergleicht. Wie entwickelte sich das Ergebnis? Resultiert es aus dem operativen Geschäft oder wurden nur Vermögensteile verkauft? Wie wurden in der Vergangenheit die Gewinne verwendet? Wurden sie herausgezogen und das Unternehmen geschwächt? Wie entwickelten sich Umsatz und Kosten? Geht ein Verlust mit einer Investition einher, die sich künftig auszahlt? Wie ist das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Verbindlichkeiten. Konzernabschlüsse sagen wenig aus. Mehr Informationen geben die einzelnen Berichte der verbunden Unternehmen.

Markt
Wie entwickelt sich der Markt, in dem die Firma tätig ist? Lässt er Wachstum zu oder ist er schon gesättigt? Wie hoch sind die Gewinnmargen? Stark wachsende Märkte verzeihen Fehler, schrumpfende nicht. Welche Innovationen gibt es und kann die Firma davon profitieren? Wer hätte vor Jahrzehnten nicht gerne in den Marktführer unter den Herstellern von Kutscherpeitschen investiert oder in Legenden wie Märklin? Kutschen wurden durch das Automobil abgelöst und Computer sind für jüngere Generationen interessanter als Modelleisenbahnen.

Branche
Wie entwickelt sich eine Branche? Hat sie eine Zukunft? Welche Mitbewerber gibt es und wie sind sie aufgestellt? Bedient ein Unternehmen vielleicht eine Nische, die trotz allgemeiner Überkapazitäten wächst? Wie gestalten sich Preis und Leistung im Vergleich mit Wettbewerbern?

Management
An der Spitze vieler grosser Unternehmen tummeln sich Volkswirte und Juristen, die nichts vom operativen Geschäft verstehen. Der katastrophale Effekt, sobald die ersten Turbulenzen auftreten, kommen nicht Geschäft und Strategie auf den Prüfstand. Vielmehr werden Kosten gesenkt, durch stärkere Arbeitsbelastung die Fehlerquote erhöht, das Know How reduziert oder mit ebenfalls kränkelnden Wettbewerbern fusioniert. Wobei durch letzteres noch nie ein gesundes Unternehmen entstand. Dabei geht es auch anders, wie die Vergangenheit zeigt. So entwickelte sich Degussa von der einstigen “Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt” zum Spezialchemieunternehmen, welches unter anderem gemeinsam mit SolarWorld Solarsilizium Wafer für Solarzellen produziert. Oder nehmen wir die Preussag AG, welche vom Mischkonzern zum reinen Tourismusunternehmen umgebaut wurde und heute als TUI bekannt ist. Wie hervorragend sich deren einstige Tochter Salzgitter entwickelt, wissen wir. Der Fahrrad-Hersteller Panasonic oder der Papier- und Gummistiefelproduzent Nokia sind weitere Beispiele.

Produktion und Geschäftsräume
Vor einer Investition in ein Unternehmen gehört der Blick in Produktionshallen und Geschäftsräume. Fondsmanager tun das, Kredit-Banker ebenso und Grosskunden auch. Viele Unternehmen bieten sehr interessante Führungen. Der dadurch entstehende Eindruck ist ein wichtiges Entscheidungskriterium. Wirken die Hallen sauber und aufgeräumt oder herrscht Chaos? Wie modern ist der Maschinenpark (Substanzwert)? Wie sind die Standorte strukturiert? Ist Wahl sinnvoll? Gibt es lange und teure Lieferwege zwischen den Fertigungen (Airbus, Boeing) oder ist die Produktion konzentriert und effizient?

Umgang mit Kunden
Kann ein Unternehmen die Interessen seiner Kunden mit der Absicht, Gewinne zu erzielen, verbinden? Zufriedene Kunden kommen gerne wieder. Andererseits schmälern überhöhte Kulanzzahlungen den Ertrag und deuten auf interne Schwächen hin. Gerade bei Dienstleistern und Produzenten für Konsumenten und Verbraucher können diverse Bewertungsportale im Internet helfen, einen Eindruck über Stimmung und Akzeptanz zu gewinnen.

Unternehmensstrategie
Wie will sich die Firma künftig entwickeln? Welche Konzepte gibt es? Sind sie verständlich, sinnvoll und schlüssig? Hat das Unternehmen für Krisen vorgesorgt oder kippt es bei der ersten schwachen Brise? Zukäufe, Fusionen und Wachstum, wie allgemein oft genannt, sind keine Strategie. Hier geht es vielmehr um Innovation, Ausrichtung der Geschäftsfelder und Anpassung an künftig zu erwartende Entwicklungen. Bestes Beispiel sind die Banken in Deutschland. Der Markt ist seit Jahrzehnten mehr als gesättigt und die Margen bewegen sich auf einem gefährlichen Minimum. Trotzdem werden die Geldinstitute erhalten und Politiker hoffen auf eine bessere Zukunft. Ein Tanz auf einem Vulkan, wenn man die demographische Entwicklung in Deutschland in Verbindung mit Abwanderung von Industrie ins Ausland berücksichtigt. Oder nehmen wir die Automobilindustrie. Sie glaubte, durch immer mehr Elektronik und Spielereien ihre Fahrzeuge zu verbessern. Die Antriebstechnik blieb dabei auf der Strecke. Statt in neue Technologien zu investieren und sich auf Markterfordernisse einzustellen, bezahlte man lieber den Banken ungeheure Summen für Fusionen, die letztlich nichts brachten.

Investment
Bei den meisten Börsengängen wollen die Altaktionäre Kasse machen oder Konzerne ihren unliebsamen Töchter loswerden. Um den Schein zu wahren, gibt’s eine Kapitalerhöhung. Das so beschaffte Geld steht oft in keiner Relation zu Investitionen und Erfolgsaussichten (Telekom, Hypo Real Estate). Hier steht die Frage: Benötigt ein Unternehmen frisches Kapital und wenn ja, wofür? Anteile können sich aufgrund von Hypes unnütz verteuern. Kann eine Firma die Markterwartungen noch erfüllen? Ist die Branche gerade sehr gefragt, lohnt sich bei nüchterner Betrachtung oben genannter Punkte ein Investment meist nicht. Der Blick auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse trübt, sobald viel Kapital in eine gesamte Branche fliesst und sie überteuert ist. Ein Investor muss die Kraft haben, auch “Nein!” sagen zu können. Am Ende steht immer, was ein Investor an Substanz- und Ertragswert für sein Geld bekommt und welche Erfolgsaussichten seine Investition hat und was im schlimmsten Fall (worst case) passieren kann. Märkte schwanken. Entgegen Kostolanys Empfehlung, sich schlafen zu legen, gehören Investments zumindest jährlich auf den Prüfstand. Auch wer in Aktien investiert ist, muss immer wieder neu prüfen, ob die Kriterien, auf denen sein Aktienkauf ursprünglich beruhte, immer noch erfüllt sind, so wie es die Profis eben auch tun.

Letztlich sollte jeder ernsthafte Aktionär einige kaufmännische sowie fachliche Kenntnisse besitzen, Emotionen vermeiden, sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen und immer schön kritisch bleiben.

Foto: © Steve Woods / SXC

Written by Frank Kerkau

May 15th, 2009 at 7:53 pm

Bundesbank: Thilo Sarrazin über Hartz-IV, Mütter und Rentner

leave a comment

Aus den nüchternen Geschäftsräumen der Bundesbank dringen neuerdings provokante Töne. Seit Thilo Sarrazin (SPD) mit im Vorstand von Deutschlands wichtigster Bank sitzt, müssen wir uns auf etwas gefasst machen. Sarrazin hatte als Finanzsenator unlängst Berlins Haushalt auf Kosten der sozial Schwachen gesund geschrumpft und profitabel aufgestellt, was ihm den Spitzennamen “Sparsenator” einbrachte. Der 64-Jährige teilt gern aus und spricht Klartext. Unbequem, ruppig und laut. Gegenüber Stern äusserte der Bundesbanker Kritik an energieverschwendenden Hartz-IV-Empfängern, plädierte für ein Sozialsystem mit Geburtenkontrolle und für Rentenkürzungen.

So würden viele Hartz-IV-Empfänger bei offenem Fenster die Heizkostenzuschüsse der Städte und Gemeinden verschwenden, Frauen durch Kinder ihren Lebensunterhalt aufbessern, aber im selben Augenblick warnt Sarrazin vor der steigenden Belastung der immer weniger werdenden Erwerbstätigen durch die wachsende Anzahl von Rentnern.

Wie schon in Berlin, bietet Sarrazin auch als Vorstandsmitglied der Bundesbank als einzige Lösung den alle Ausgaben streichenden Rotstift.

Spinnen wir mal seinen schrulligen Faden weiter und schauen mit ihm in die Zukunft, so 25 bis 30 Jahre. Was sehen wir? Ein Deutschland ohne Nachwuchs, ohne Fachkräfte mit abwandernder Industrie und Forschung, mit frierenden Rentnern am Existenzminimum, aber einer schwarzen Null im Bundeshaushalt. Wirklich rosig!

Die Bundesbank hat sich inzwischen von Sarrazins Äusserungen distanziert, jedoch noch keine Personalentscheidung getroffen.

Foto: Stephan Mosel / CC

Written by Frank Kerkau

May 14th, 2009 at 4:23 am

Betriebsbedingte Kündigung: Kämpft IG Metall jetzt für Schaeffler?

leave a comment

Die IG Metall hat bei Schaeffler durchgesetzt, dass es bis 30. Juni 2010 keine betriebsbedingten Kündigungen geben soll. Wirtschaftsthemen erklärt den Bärendienst der Gewerkschaft für die Arbeitnehmer:

Betriebsbedingte Kündigungen wirken sich negativ auf den Ruf eines Unternehmens aus. Sie machen Gläubiger und Geschäftspartner misstrauisch. Auch dürfen Arbeitgeber laut Kündigungsschutzgesetz nur unter bestimmten Voraussetzungen betriebsbedingt kündigen. Dem Unternehmen muss es wirtschaftlich schlecht gehen, soziale Verhältnisse müssen berücksichtigt werden, bestimmte Personen geniessen Kündigungsschutz und Leistungsträger behält der Arbeitgeber am liebsten.

Kein Unternehmen wird daher betriebsbedingt kündigen, solange es andere Wege gibt, die Personalkosten zu senken:

  • Kurzarbeit
  • Altersteilzeit
  • Aufhebungsvertrag
  • Gehaltsverzicht
  • Arbeitszeitverkürzung

Jedoch hebeln diese Punkte den gesetzlichen Kündigungsschutz komplett aus, denn jetzt geht es nicht mehr nach künftigem Bedarf des Unternehmens oder nach sozialer Gerechtigkeit, sondern ausschliesslich um nackte Zahlen. Müssen Kosten gesenkt werden und hat das Management einmal die Entscheidung getroffen, Stellen zu streichen, dann ist es für die Arbeitnehmer wichtig Rechtssicherheit zu haben und nicht nur eine Abfindung zu kassieren, sondern sie auch zu behalten. So wird die Agentur für Arbeit bei Aufhebungsverträgen hellhörig und streicht gerne zumindest teilweise das Arbeitslosengeld zu Lasten von Abfindungen. Dabei spielt es keine Rolle, ob im Vertrag alternativ eine betriebsbedingte Kündigung angedroht wird. Auch wären gerne Arbeitnehmer mit langer Betriebszugehörigkeit und Familie weiterbeschäftigt. Die IG Metall hat dem jedoch bei Schaeffler einen Riegel vorgeschoben. Die nötigen 4.500 Stellen werden abgebaut. Dank Deutschlands grösster Gewerkschaft braucht Schaeffler jetzt weder auf soziale Verhältnisse der Arbeitnehmer noch auf sonstigen Kündigungsschutz zu achten. Selbst Schwangere und Behinderte können gefeuert werden. Allein die Höhe der Abfindung bestimmt über Weiterbeschäftigung oder dem Gang zum Arbeitsamt.

Des Weiteren wird der Arbeitnehmer bei seinem nächsten Bewerbungsgespräch ganz sicher nach dem Grund seines Arbeitsplatzverlustes gefragt. Eine betriebsbedingte Kündigung ist dabei selbsterklärend. Die Schuld liegt allein beim ehemaligen Arbeitgeber. Einem Aufhebungsvertrag jedoch liegt beiderseitiges Einvernehmen zu Grunde. Der Bewerber kann auf die wirtschaftliche Lage seines Ex-Arbeitgeber hinweisen. Ob der neue Arbeitgeber ihm glaubt?

Die IG Metall will möglichst viele Arbeitnehmer möglichst lange beschäftigt wissen und riskiert dabei die Arbeitsplätze der noch gesunden Unternehmensbereiche. Handelte die Gewerkschaft wirklich im Interesse der Arbeitnehmer, müsste sie bei unvermeidlichem Stellenabbau auf betriebsbedingte Kündigungen bestehen, Abfindungen aushandeln und die Einhaltung des gesetzlichen Kündigungsschutzes sowie der sozialen Gerechtigkeit überwachen. Das wäre ihre Aufgabe.

Foto: © Gerd Altmann / PIXELIO

Written by Frank Kerkau

May 13th, 2009 at 7:10 pm

HRE-Schwindel: BILD gibt den Münchhausen

one comment

In der dramatischen Erzählung “Wer gewinnt durch die Enteignungsschlacht?” versucht das regierungstreue Revolverblatt BILD uns Wählern in Sachen Hypo Real Estate (HRE) und ihrer Aktie den Ritt auf einer Kanonenkugel zu verkaufen. Wirtschaftsthemen deckt die Lügen auf:

Lüge 1 – Pfandbriefe

BILD erklärt:

“Diese Pfandbriefe werden allerdings schon längst nicht mit „realen“ Grundstücken besichert, sondern mit künftigen Steuereinnahmen des Staates.”

Gemäss unserem Pfandbriefgesetz müssen Pfandbriefe durch Kredite gedeckt sein, die wiederum mit werthaltigen Immobilien besichert sind. Das heisst, Immobilien-Eigentümer haften zum Beispiel mit ihrem Haus oder ihrer Eigentumswohnung gegenüber den Pfandbriefgläubigern, wie Rentenfonds oder Versicherungen. Die Hypothekenbanken, wie die HRE, leiten bei der Kreditvergabe lediglich das Geld vom Pfandbriefgläubiger zum Kreditnehmer und überwachen den Rückfluss in Form von Zinsen und Tilgung. Bei der Insolvenz einer Hypothekenbank fallen diese Kredite nicht an die Konkursmasse, sondern werden in einem Pool zusammengefasst und gesondert weitergeführt. Der Steuerzahler haftet daher nicht für die Pfandbriefe, sondern ausschliesslich für die HRE selbst. Wenn die Bank Fehler bei der Refinanzierung machte und die Laufzeitkongruenz verletzte, bedeutet dies, es wurden überhaupt keine Pfandbriefe ausgegeben, sondern das Geld für die langfristigen Immobilienkredite am Kapitalmarkt anderweitig und mit kürzeren Laufzeiten beschafft. Kann die Bank bei Fälligkeit der kurzfristigen Refinanzierungen aufgrund ihres Rufs und der allgemeinen Marktlage nicht umschulden, wie im Falle der HRE, und springt der Staat mit Garantien ein, dann haftet der Steuerzahler ebenfalls nicht für Pfandbriefe, sondern ausschliesslich für die Bank.

Lüge 2 – mündelsicher

BILD lässt Deutschland weinen:

“Pfandbriefe sind „mündelsicher“: In ihnen darf auch das Vermögen von Witwen und Waisen angelegt werden.”

Pfandbriefe sind mündelsicher. Das bedeutet, das Verlustrisiko bei Geldanlagen durch Insolvenz des kontoführenden Institutes sowie bei Wertpapieren durch Kursschwankungen muss ausgeschlossen sein. Dies regelt aber der Gesetzgeber für Pfandbriefe bereits durch das Pfandbriefgesetz (siehe mein Kommentar zu Lüge 1). Nun werden Vermögen von Personen, die nicht für sich selbst entscheiden können (Betreute) oder dürfen (Minderjährige), durch einen Vormund verwaltet. Für Betreute setzt das Gericht einen Vormund ein, Minderjährige haben in der Regel ihre Eltern. BILD unterstellt: Alle Witwen seien nicht rechts- und geschäftsfähig, dürften also weder selbst einkaufen noch eine Arbeit annehmen oder eine Wohnung mieten. Auch suggeriert BILD, dass unsere Kinder von Geburt an rechts- und geschäftsfähig seien, es sei denn, sie hätten ihre Eltern verloren. Sind Eltern kein gesetzlicher Vormund und sind Geschäfte von Kindern bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres etwa nicht schwebend unwirksam, solange kein gesetzlicher Vertreter, also Mutter oder Vater, die Zustimmung erklärt haben?

Lüge 3 – Flowers’ Kaufpreis für seine HRE-Aktien

BILD und die Fakten:

“Denn der US-Milliardär J.- C. Flowers (51), Chef diverser „Heuschrecken“-Fonds, ist auch Großaktionär. Er war vor der Finanzkrise massiv bei der HRE eingestiegen – zu Kursen von mehr als 30 Euro.”

Ob die ursprüngliche Beteiligung von J. C. Flowers an der HRE mit 24,9 Prozent als massiver Einstieg zu bewerten ist, sei mal dahin gestellt. BILD nimmt es jedoch mit den Grundlagen der Mathematik nicht so genau. Flowers bezahlte in 2008 für 24,9 Prozent der HRE-Anteile rund 1,1 Milliarden Euro, was lediglich 22,50 Euro je Aktie bedeutet und nicht, wie BILD uns glaubhaft machen will, mehr als 30 Euro pro Aktie.

Lüge 4 – Warum der Aktienkurs wohl steigt?

Nachdem der Bund über den SoFFin nun 47,31 Prozent der HRE-Aktien hält, kletterte deren Börsen-Kurs auf etwas über 2,00 Euro. BILD erklärt, warum das so sei:

“Nachdem der Staat die HRE für „unverwundbar“ erklärt hat, sie also niemals mehr Pleite gehen kann, ist dies natürlich das entscheidende Schmankerl. Damit hat der Staat der HRE die höchsten Weihen spendiert, die es gibt: So sicher und solide zu sein wie der Staat selbst! Denn der steht in voller Höhe für alles in der HRE gerade.”

Zwischenzeitlich ist der Aktienkurs wieder unter 1,50 Euro gesunken, was der Logik von BILD widerspricht. Fakt ist: Durch den Einstieg des Bundes ist der reelle Free Float*) (Streubesitz) der HRE-Aktien unter 20 Prozent gesunken. Eine genaue Angabe liegt noch nicht vor. Damit und durch weitere Zukäufe des SoFFin nehmen die Kursschwankungen (Volatilität) zu und der Aktienkurs spiegelt nicht mehr die Meinung des Marktes wider. Wir konnten es bei Volkswagen sehr schön beobachten, als nach dem Einstieg von Porsche die VW-Aktie durch Spekulationen auf fast 1.000 Euro kletterte, um danach wieder unter 200 Euro zu fallen.

*) Entgegen der Definition des Free Floats durch die Deutschen Börse handelt es sich hier um die HRE-Aktien, welche durch den Bund, die Flowers-Gruppe oder durch klagewillige Kleinaktionäre gehalten werden und in absehbarer Zeit dem Börsenhandel nicht zur Verfügung stehen.

Grafik: August Wille (1828-1887) / public domain

Written by Frank Kerkau

May 7th, 2009 at 10:40 pm

Posted in Medien

Tagged with , ,

Recherche: Internet vs Archiv

leave a comment

Was Internetportale und Suchmaschinen von Archiven lernen können:

Wissen wird nur dann zur Information, wenn es für den Nutzer relevant ist. Nach diesem Grundsatz sind Archive aufgebaut. Der Interessent wird während seiner Recherche weder abgelenkt noch mit kommerziellen Angeboten überhäuft. Das Internet bietet dem Nutzer eine Unmenge an Wissen. Ob die Angebote jedoch auch Informationen beinhalten, erfährt er erst, nachdem der die Webseite aufgerufen und zumindest quergelesen hat. Dabei surft er auf kommerzielle Inhalte und wird durch Werbung, Nachrichten oder Unterhaltung abgelenkt. Das kostet Zeit, ist frustrierend und wenig hilfreich.

Logik des Archivs
Wer früher zu einem Thema Informationen suchte, fand sie in einem verstaubten Archiv. Dessen Strukturen sind klar und logisch standardisiert. Entweder man kannte das Medium (Buch, Zeitschrift), dann fand man es unter einer nach Titeln alphabetisch geordneten Kategorie oder man blätterte in der Kartei und erhielt durch bibliographische Beschreibungen einen ersten Überblick über die Inhalte. Zur Not hilft der Archivar. Alle Quellen sind gleichberechtigt.

Chaos im Internet
Im Internet ist das anders. Zwar indizieren Suchmaschinen, wie Google, vollständige Inhalte. Bei der Suche erhält der Nutzer jedoch nicht zuerst, was seiner Abfrage thematisch am nächsten kommt, sondern wessen Webseiten der Allgemeinheit am besten gefallen, welche Seiten für Suchmaschinen optimiert sind oder wessen Ranking finanziell gepusht wurde. Selbst Webkataloge, wie Yahoo, nutzen wenig, da weder eine vernünftige Kategorisierung noch eine aussagekräftige Beschreibung der Inhalte vorhanden ist. Letztlich muss der Nutzer selber genau wissen, wonach er sucht, denn anhand der Suchergebnisse erfährt er nicht, welche Informationen eine Webseite wirklich beinhaltet und welche weiteren Themen noch relevant sein könnten.

Beispiele
Wer sich als Laie zum Beispiel umfassend über Immobilien und deren Finanzierung informieren möchte, findet über Suchabfragen lediglich Fragmente, die mühsam zusammengetragen werden müssen. Hinderlich dabei sind unzählige kommerzielle Angebote, die kaum informieren und lediglich ihre Produkte anbieten (Baufinanzierung, Immobilien). Dass bei Erwerb oder Neubau von Immobilien einiges zu beachten ist und sich mögliche Fallen ergeben, darauf muss der künftige Bauherr schon selber kommen. Interessant dabei ist, dass Suchergebnisse, die Aufklärung versprechen, letztlich auf Bücher oder Fachzeitschriften verweisen.

Zurück zum Archiv. Abgesehen davon, dass ein Archiv keine Zettel sammelt, auf denen Makler ihre Häuser oder Zinsvergleiche preisen, würde der Nutzer dort anders vorgehen. Er würde zunächst nach Immobilien suchen, danach nach Arten (Einfamilienhaus, Eigentumswohnung), dann nach Neubau oder Kauf und schliesslich nach Finanzierungsmöglichkeiten. Erst dann würde er auf das Branchenbuch zugreifen, um sich über Anbieter zu informieren. So wäre die logische Vorgehensweise. Schon in den bibliographischen Beschreibungen erfährt er nebenbei, dass Häuser vermietet werden, der Kapitalanlage oder Altersversorgung dienen, dass es Massivbau und Fertigbau sowie staatliche Fördermöglichkeiten gibt, was weiterführend wichtig sein kann.

Oder nehmen wir ein Beispiel aus dem Maschinenbau. Wenn ein Ingenieur nach einer günstigen Schraube sucht, wird er sich zunächst über die Normen gemäss DIN nach Arten, Grössen, Formen und Materialien informieren und die für seine Verbindung passende auswählen. Danach sucht er sich im Branchenbuch einen Anbieter. Im Liefervertrag bräuchte er nun lediglich die Nummer der Schraube und die Stückzahl angeben und jeder Hersteller wüsste, welche er zu fertigen und zu liefern hätte. Das wäre die Logik eines Archivs. Die Logik des Internets überhäuft den Nutzer jedoch zunächst mit Herstellern und Händlern. Welche Schrauben aber generell erhältlich sind, erfährt er nicht.

Eine weiteres Beispiel betrifft Google. Wer in Googles Blog-Suche nach Meinungen der Graswurzel-Journalisten sucht und dabei nach Relevanz sortiert, wird inzwischen mit Nachrichten aus den Internet-Angeboten der Printmedien und kommerziellen Inhalten der Vertriebsportale überhäuft, die oftmals keine Blogs sind. Das ist die Folge von automatisch indizierten und ungeprüften Webseiten.

Klare Struktur von Internetportalen
Um dem ursprünglichen Anspruch des Internets auf Austausch von Information gerecht zu werden, müssten meines Erachtens Internetportale völlig anders strukturiert sein. Hersteller und Händler sind vom übrigen Informationsangebot zu trennen. Sie gehören nach Kategorien alphabetisch geordnet in ein Branchen-Portal. Eine weitere Gruppe wäre Kunst und Unterhaltung. Allgemeine Lexika, wie Wikipedia, oder Fachlexika sowie Internetangebote von Fachzeitschriften und Webseiten mit rein informativen Inhalten gehören in eine eigene Gruppe zusammengefasst. Dabei muss jede Gruppe nach Themen kategorisiert und alphabetisch geordnet sein. Ihre Inhalte müssen in den Suchergebnissen hinreichend bibliographisch beschrieben werden. Des Weiteren ist für den Nutzer das Datum der Erscheinung und nicht das Datum der Indexierung relevant.

Vorteile für alle Beteiligten
Dabei würde ein so strukturiertes Internetportal die Vorteile eines verstaubten Archivs mit denen der modernen Archivierungs- und Recherche-Methoden verbinden. Der Nutzer könnte präzise nach Titeln, Verfasser oder Erscheinungsdatum suchen oder sich gezielt durch Haupt- und Unterkategorien und Themen hangeln. Durch weniger Ablenkung, wäre eine Recherche wesentlich effizienter und die Ergebnisse glaubwürdiger. Die Betreiber der Webseiten müssten mehr auf qualitativen Inhalt achten. Unnötige Redundanzen würden minimiert. Nicht zuletzt wäre eine Finanzierung durch themenrelevante Werbung für alle Beteiligten effektiver.

Das Internet lebt. Es verändert sich ständig. Vielleicht rückt dabei irgendwann auch wieder der Nutzer in den Mittelpunkt.

Foto: © Ann- Kathrin Rehse / SXC

Written by Frank Kerkau

May 4th, 2009 at 8:21 pm

Posted in Medien

Tagged with