Glaubte man Zeit Online, dann ist nicht nur der Kapitalismus schon mehrere tausende Jahre alt, denn solange existiert schon das Geld.
Auch wird die Commerzbank in dem Artikel “Wie Geld zu Geld wird” mal eben beispielgebend für alle Kreditinstitute zur Notenbank aufgewertet.
Zeit Online reduziert den Wert des Geldes auf die psychologische Ebene und erklärt uns, Geld entstünde durch Kreditvergabe aus dem Nichts und funktionierte nur durch das Vertrauen der Bevölkerung.
Zum Glück wissen wir heute aber, dass zuerst die Ware da war und danach der Handel durch Geld vereinfacht wurde. Wobei Geld nicht unbedingt aus Münzen oder Papier bestehen muss. Es können auch Getreide oder Zigaretten zur Währung werden. Funktionierende Währungen setzen Warendecke und Wirtschaftskraft voraus. Der Bürger will für sein Geld etwas kaufen können. Sonst ist das Geld in der Tat wertlos.
Die Behauptung von Zeit Online
“Viele denken, eine Bank sei bloß eine Art Geldhändler und verleihe die Ersparnisse der Kunden weiter. Falsch, sie ist eine Art Produzent. Sie lässt Geld entstehen, wo vorher keines war. So betreiben alle Banken, groß und klein, eine wundersame Geldvermehrung, wenn sie neue Kredite vergeben. Oder eine Geldvernichtung, wenn sie alte Kredite einsammeln. Puff – wie durch Zauberkraft entsteht oder verschwindet Geld.”
lässt den Schluss zu, der Verfasser des besagten Artikels hat noch nie eine Bank von innen gesehen und die benannte Angestellte der Commerzbank war wohl eine Azubine.
Denn wenn eine Bank durch Kreditvergabe Geld schöpfen und durch Kreditrückführung Geld vernichten würde, warum erhalten dann die Kunden Zinsen auf ihre Tagesgelder, ihre Festgelder oder ihre Hypothekenpfandbriefe? Warum leihen sich Banken dann überhaupt Geld bei der EZB oder im Interbankenhandel bei anderen Geldinstituten? Warum hatte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers fast einen globalen Finanzkollaps ausgelöst?
Baukredit über 1,2 Millionen Euro – Woher kriegt die Bank das Geld?
Ob für Dispo, Konsumentenkredit oder Baufinanzierung, das Geld muss irgendwoher kommen, wenn schon die Bank nicht das Geld wie durch Zauberhand entstehen lässt.
Nehmen wir eine simple Baufinanzierung über 1,2 Millionen Euro festgeschrieben auf 10 Jahre mit Zinssatz von 3,5 Prozent und 2 Prozent Tilgung. Sobald der Kreditvertrag zustande kommt, eröffnet die Buchhaltung der Bank gemäss Meldung des Kreditsachbearbeiters ein Kreditkonto und erfasst im Zentralrechner die im Vertrag vereinbarte Kreditline nebst Konditionen. Danach wird refinanziert. Schliesslich brauchen wir ja Geld für unseren Kunden. Der Kreditsachbearbeiter schickt also eine weitere Meldung über den Vertragsabschluss an den Schatzmeister der Bank (Treasurer).
Die Abteilung Treasury (Aktiv-Passiv-Steuerung) steuert Kundeneinlagen, Kredite und deren Tilgung sowie Zinszahlungen. Sie besorgt bei Bedarf Geld am Kapitalmarkt, verleiht es oder legt es bei der EZB an. Hier tickern den ganzen Tag Zinssätze und Laufzeiten für Geldbeträge über die Bildschirme, werden Milliarden in Sekunden bewegt mit dem Ziel, die Liquidität der Bank bei möglichst geringen Kapitalkosten zu sichern.
Der Treasurer erhält also unsere Kreditmeldung über 1,2 Millionen Euro und leiht sich das Geld scheibchenweise am Kapitalmarkt, weil der Kunde seinen Kredit eben auch scheibchenweise monatlich tilgen wird. Bei einem Prozent Marge würde unser Schatzmeister die 1,2 Millionen zum Beispiel wie folgt am Geldmarkt von einer Versicherungsgesellschaft ausleihen:
900.000 Euro mit Zinssatz von 2,5 Prozent auf 10 Jahre
100.000 Euro mit Zinssatz von 2,3 Prozent auf 7 Jahre
100.000 Euro mit Zinssatz von 2,2 Prozent auf 3 Jahre
100.000 Euro mit Zinssatz von 2,3 Prozent auf 1 Jahr.
Die einzelnen Beträge ergeben sich aus dem Tilgungsplan. Die 1,2 Millionen Euro werden auf ein internes Konto gebucht und sobald der Kunde seinen Kredit oder Teile davon abruft, erhält die Buchhaltung wieder durch den Kreditsachbearbeiter die Anweisung wie viel wohin zu zahlen ist. Im nächtlichen Buchungslauf wird dann das Kreditkonto des Kunden mit dem Auszahlungsbetrag ins Soll gestellt. Der Saldo ist dann auf dem Kontoauszug zu sehen.
Bei Tilgung des Kredites läuft der Geldstrom in umgekehrter Richtung und am Ende der Festschreibungszeit (hier nach 10 Jahren) werden die Konditionen der Restschuld neu zwischen Kunde und Bank verhandelt. Der Treasurer gibt das geliehene Geld zurück und muss neue Schulden aufnehmen. Der gesamte Vorgang beginnt von vorn, bis der Kredit getilgt ist. Das ist weder Magie noch Hexenwerk.
Fotos:
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