September 2010

Die DDR war unsere Heimat!







by Frank Kerkau on September 30, 2010

Zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit sehen 57 Prozent der Ostdeutschen das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) überwiegend positiv. “DDR-Historiker” Stefan Wolle schäumt und lässt seinem Zorn auf Zeit Online freien Lauf. Wirtschaftsthemen entlarvt Wolles größte Lügen über das Leben in der DDR:

verfassung der ddr minibuch

“Komplementär zu der positiven Bewertung der untergegangenen DDR steht das negative Urteil über die Marktwirtschaft, aber auch über die Demokratie.”

Wie demokratisch kann eine durch Banken und Großkonzerne an die Macht finanzierte Regierung wohl sein, die Volksentscheide fürchtet, die der Teufel das Weihwasser? Eine Marktwirtschaft gab es vielleicht 1949 in Deutschland. Heutzutage ist der Markt durch Finanzoligarchie, Wirtschaftslobbyismus, Wirtschaftskriminalität, Korruption und ökonomisch schädliche Kapitalhortung derart verzerrt, dass eine freie Entfaltung der Wirtschaft nahezu unmöglich ist. Als aktuelle Beispiele seien Kreditklemme und Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke (AKW) genannt. Experten zufolge wird Deutschland durch die Verlängerung der Laufzeiten der AKWs die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Technologien zur Gewinnung erneuerbarer Energien verlieren.

“Das Schlangestehen vor den Gemüseläden und Fleischereien, die Rumrennerei nach allem und jedem […] ganz zu schweigen von dem Eingesperrtsein auf Lebenszeit, die ständige Bevormundung durch die Obrigkeit…”

BILD als Bettlektüre? Die Grundbedürfnisse waren in der DDR ja wohl gedeckt. Alle hatten Arbeit und ein Recht darauf. Wir konnten sogar von unserer Arbeit leben, was heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Grundnahrungsmittel wurden in die BRD exportiert, aber manchmal auch an Karnickel verfüttert. Von “Rumrennerei” kann ebenfalls keine Rede sein. Man mußte einige Dinge vielleicht kaufen, wenn es sie gab. Wer in der DDR aber mit einem dicken Benz vor anderen prollen wollte, lebte in der Tat im falschen Teil Deutschlands. Bevormundung durch die Obrigkeit? In jeder Gesellschaft – egal welcher Ordnung – gilt: Entweder Du gehörst dazu oder nicht. Auch in der DDR war jeder seines Glückes Schmied. Wer sich an die Regeln hielt, konnte bei uns vernünftig leben und wurde nicht belästigt. Auf steuerfinanzierten Abenteuerurlaub auf dem Balkan oder in Afghanistan können wir Ossis gerne verzichten.

“Aufgrund des niedrigen technologischen Niveaus der Wirtschaft sowie der Massenabwanderung bis zum 13. August 1961 herrschte in der DDR ein akuter Arbeitskräftemangel.”

Wer ein gesamtes Volk für die durch den kalten Krieg bedingte Embargo-Liste des Westens “CoCom” in Kollektivhaft nimmt und verhöhnt, macht sich vor seriösen Historikern lächerlich. Arbeitskräftemangel unterschreibe ich nicht, Fachkräftemangel sehr wohl. Dazu muß man aber als Historiker auch die wahren Gründe nennen. Während es sich die westlichen Besatzungzonen mit Subventionen aus Marshallplan (European Recovery Program – ERP) und KfW bis in die 1990er Jahre gut gehen ließen, wurde im Osten durch die Sowjetarmee der letzte Schienenstrang für Reparationszahlungen abgebaut. Fakt ist, die Wirtschaft der DDR mußte nach dem Krieg aus eigener Kraft von Null wieder aufgebaut werden. Dabei wird es immer Menschen geben, die den vermeindlich bequemeren Weg wählen. Aber auch dafür kann man die Ostdeutschen nicht verantwortlich machen.

“In den Zentralen der Macht lungerten vor allem Männer herum.”

Soweit ich mich erinnere, war unsere Ministerin für Volksbildung Margot Honecker eine Frau und hat einen so guten Job gemacht, dass Finnland bereits 1968 entschied, unser inzwischen allgemein als vorbildlich anerkanntes Bildungssystem zu übernehmen.

“Ungelernte Hilfskräfte, Transportarbeiter oder Reinigungskräfte wurden von jedem Vorgesetzten mit Samthandschuhen angefasst. Kein Meister oder Abteilungsleiter durfte es wagen, den Kollegen zu nahe zu treten, wenn sie es mit dem Schichtbeginn nicht so genau genommen oder sich während der Nachtschicht ein Schnäpschen genehmigt hatten.”

Wirklich bemerkenswerte Behauptungen eines Mannes, der nie einen DDR-Betrieb von innen gesehen hat. Zunächst galten Arbeitszeiten und Verordnungen der Betriebe für alle Kollegen. Arbeitsbummelei galt allgemein als asozial und konnte sogar mit Haftstrafen geahndet werden. Sicher wurde auch in der DDR nach Feierabend mal ein Gläschen unter Kollegen getrunken auf dem Bau vielleicht auch zwei, aber noch lange nicht soviel, wie ich es in meiner Zeit nach der Wende in einer deutschen Grossbank erlebte.

“Der Drang zur Wiedervereinigung kam deswegen für viele Beobachter überraschend. Ausschlaggebend dürfte der Wunsch der breiten Bevölkerung gewesen sein, schnell und ohne allzu große Probleme die westliche Wirtschafts- und Rechtsordnung zu übernehmen.”

Der Drang zur Wiedervereinigung entstand erst nachdem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und sein Finanzminister Theo Waigel (CSU) entgegen allen Warnungen ihres Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl und weiteren westdeutschen Ökonomen den DDR-Bürgern den Floh von einer leichten und schmerzlosen deutschen Einheit ins Ohr gesetzt hatten. Beim Mauerfall 1989 waren weder die D-Mark noch die Einheit ein Thema.

“So gewann der Zug zur deutschen Einheit bis zum März 1989 immer mehr an Fahrt”

Als “Historiker” sollte man zumindest die wichtigsten Jahreszahlen der Geschichte kennen.

“Dieses Geschenk [die D-Mark – Anm. d. Red.] hat die kommende Katastrophe der DDR-Wirtschaft nicht verhindert, aber für den Einzelnen gemildert.”

Ich weiss, dass Ökonomie nicht ganz einfach ist. Dieses “Geschenk” war in Wahrheit ein Trojanisches Pferd. Mit Einführung der D-Mark wurden nicht nur sämtliche unserer Betriebe dem vollen Konkurrenzdruck der westlichen Privatwirtschaft ausgesetzt, auch verloren Betriebe mit Geschäftsverbindungen in den Raum des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) über Nacht ihre Kunden, weil der Ostblock nicht mit Devisen zahlen konnte. Ich unterstelle Kohl und Waigel, dass sie genau wussten, was sie damals taten. Sie erschlossen der BRD-Wirtschaft auf Kosten der Steuerzahler einen Markt mit 17 Millionen neuer Kunden und schickten sämtliche ostdeutsche Mitbewerber in den Konkurs, um danach zu behaupten, die DDR-Wirtschaft sei Schrott gewesen. Gemäss Bundesbank und Staatsbank der DDR hatte die DDR unmittelbar vor der Währungsunion gerade mal 27,4 Milliarden D-Mark an Devisenschulden und war nie in Verzug geraten. Karl Mai schreibt in seiner Betrachtung “Wie marode war die DDR 1989?”:

“Das gesamte volkseigene Sachkapital umfaßte nach der Währungsumstellung im Jahre
1990/91 958 Mrd. DM. Daneben war der staatliche Grund- und Boden mit einem Verkehrswert von ca. 440 Mrd. DM als Schätzpreis anzusetzen.”

Fakt ist, die Wirtschaft der DDR ist einzig und allein das Opfer des größenwahnsinnigen Projekts “Kanzler aller Deutschen”.

“Trotz dieser dramatischen Rückgänge zogen keineswegs Not und Elend in den östlichen Bundesländern ein.”

So? Die Arbeitlosenquote in den neuen Bundesländern liegt permanent über 10 Prozent. Aktuell beträgt sie 11,5 Prozent. Zum Vergleich glänzt Bayern durch seine 4,1 Prozent fast mit Vollbeschäftigung.

In ihrem Buch “Die Deutsche Bundesbank – Aufgabenfelder, rechtlicher Rahmen, Geschichte” von 2006 schreiben Deutschlands Währungshüter dazu:

“Vor allem die rasche Lohnanpassung in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung – ohne Rück-sicht auf das weit geringere Produktivitätsniveau – verursachten dort eine bis heute anhaltende außergewöhnlich hohe Arbeitslosigkeit.”

Ballermann, 3D-Fernsehen und schicke Villen taugen nichts, wenn man sich’s nicht leisten kann. Aber weiter mit Stefan Wolle:

“Die Übernahme des westlichen Wirtschafts- und Sozialsystems führte sogar zu einem beträchtlichen Wohlstandszuwachs, insbesondere für die Rentner.”

Also scheint das Elend in den neuen Ländern doch noch nicht so ganz überwunden. Aber dass es unseren Rentnern gut geht, ist schon mal ein Anfang. Ich bin gespannt, wann unsere Kinder endlich die Gelegenheit bekommen, die Rente ihrer Eltern selbst zu erwirtschaften.

Foto: © FK

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