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Handwerkszeug für Aktionäre

Fondsmanager und Kreditgeber schauen sich die Unternehmen, deren Anteile sie kaufen oder denen sie ihr Geld leihen, genau an. Wirtschaftsthemen erklärt, wie Aktionäre davon profitieren können:

André Kostolany empfahl Aktien als langfristiges Investment zu kaufen und sich danach schlafen zu legen. Er empfahl jedoch nicht, irgendwelche Aktien zu kaufen. Bevor Warren Buffet eine Kaufentscheidung für ein Unternehmen trifft, besucht er die Firma und spricht mit Management und Eigentümern. Auch Banken gewähren ihren Firmenkunden keinen Kredit, ohne die Unternehmen zu kennen. Am Ende steht immer das Vertrauen in Personen, in Märkte und in Branchen. Weil niemand in die Zukunft sehen kann, muss die Unternehmensgeschichte zeigen, wie das Unternehmen in der Vergangenheit in guten, wie in schlechten Zeiten gewirtschaftet hat. Es geht dabei nicht um das Berechnen von Kurszielen für die nächsten 12 Monate auf zwei Stellen nach dem Komma, sondern um das allgemeine Erkennen von Trends, die Aufstellung der Firma und ihr Potenzial.

Gesunder Menschenverstand
Investitionsentscheidungen werden zu 80 Prozent durch den gesunden Menschenverstand und nur zu 20 Prozent durch fachliches Wissen beeinflusst. Versteht der Investor das Geschäft? Welchen Risiken ist das Unternehmen ausgesetzt. Werden sie erkannt? Wie geht das Management mit Risiken um? Welche Chancen hat die Firma. Der gesunde Menschenverstand hilft, kritisch zu bleiben und Zusammenhänge zu hinterfragen.

Geschäftsberichte
Die meisten Geschäftsberichte der grossen börsennotierten Unternehmen sind geschönt und voller Lügen. Die Vorstände wollen Aktionäre nicht verprellen und schildern auch dramatischste Entwicklungen noch in rosigen Farben. Die nächste Kapitalerhöhung oder Platzierung einer Anleihe kommt bestimmt. Selbst den nackten Zahlen ist nur wenig zu entnehmen, denn die kritischen Positionen sind versteckt, ausgelagert und nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Dennoch kann der Investor einiges erkennen, wenn er sich die letzten aufeinanderfolgenden Jahresabschlüsse ansieht und vergleicht. Wie entwickelte sich das Ergebnis? Resultiert es aus dem operativen Geschäft oder wurden nur Vermögensteile verkauft? Wie wurden in der Vergangenheit die Gewinne verwendet? Wurden sie herausgezogen und das Unternehmen geschwächt? Wie entwickelten sich Umsatz und Kosten? Geht ein Verlust mit einer Investition einher, die sich künftig auszahlt? Wie ist das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Verbindlichkeiten. Konzernabschlüsse sagen wenig aus. Mehr Informationen geben die einzelnen Berichte der verbunden Unternehmen.

Markt
Wie entwickelt sich der Markt, in dem die Firma tätig ist? Lässt er Wachstum zu oder ist er schon gesättigt? Wie hoch sind die Gewinnmargen? Stark wachsende Märkte verzeihen Fehler, schrumpfende nicht. Welche Innovationen gibt es und kann die Firma davon profitieren? Wer hätte vor Jahrzehnten nicht gerne in den Marktführer unter den Herstellern von Kutscherpeitschen investiert oder in Legenden wie Märklin? Kutschen wurden durch das Automobil abgelöst und Computer sind für jüngere Generationen interessanter als Modelleisenbahnen.

Branche
Wie entwickelt sich eine Branche? Hat sie eine Zukunft? Welche Mitbewerber gibt es und wie sind sie aufgestellt? Bedient ein Unternehmen vielleicht eine Nische, die trotz allgemeiner Überkapazitäten wächst? Wie gestalten sich Preis und Leistung im Vergleich mit Wettbewerbern?

Management
An der Spitze vieler grosser Unternehmen tummeln sich Volkswirte und Juristen, die nichts vom operativen Geschäft verstehen. Der katastrophale Effekt, sobald die ersten Turbulenzen auftreten, kommen nicht Geschäft und Strategie auf den Prüfstand. Vielmehr werden Kosten gesenkt, durch stärkere Arbeitsbelastung die Fehlerquote erhöht, das Know How reduziert oder mit ebenfalls kränkelnden Wettbewerbern fusioniert. Wobei durch letzteres noch nie ein gesundes Unternehmen entstand. Dabei geht es auch anders, wie die Vergangenheit zeigt. So entwickelte sich Degussa von der einstigen “Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt” zum Spezialchemieunternehmen, welches unter anderem gemeinsam mit SolarWorld Solarsilizium Wafer für Solarzellen produziert. Oder nehmen wir die Preussag AG, welche vom Mischkonzern zum reinen Tourismusunternehmen umgebaut wurde und heute als TUI bekannt ist. Wie hervorragend sich deren einstige Tochter Salzgitter entwickelt, wissen wir. Der Fahrrad-Hersteller Panasonic oder der Papier- und Gummistiefelproduzent Nokia sind weitere Beispiele.

Produktion und Geschäftsräume
Vor einer Investition in ein Unternehmen gehört der Blick in Produktionshallen und Geschäftsräume. Fondsmanager tun das, Kredit-Banker ebenso und Grosskunden auch. Viele Unternehmen bieten sehr interessante Führungen. Der dadurch entstehende Eindruck ist ein wichtiges Entscheidungskriterium. Wirken die Hallen sauber und aufgeräumt oder herrscht Chaos? Wie modern ist der Maschinenpark (Substanzwert)? Wie sind die Standorte strukturiert? Ist Wahl sinnvoll? Gibt es lange und teure Lieferwege zwischen den Fertigungen (Airbus, Boeing) oder ist die Produktion konzentriert und effizient?

Umgang mit Kunden
Kann ein Unternehmen die Interessen seiner Kunden mit der Absicht, Gewinne zu erzielen, verbinden? Zufriedene Kunden kommen gerne wieder. Andererseits schmälern überhöhte Kulanzzahlungen den Ertrag und deuten auf interne Schwächen hin. Gerade bei Dienstleistern und Produzenten für Konsumenten und Verbraucher können diverse Bewertungsportale im Internet helfen, einen Eindruck über Stimmung und Akzeptanz zu gewinnen.

Unternehmensstrategie
Wie will sich die Firma künftig entwickeln? Welche Konzepte gibt es? Sind sie verständlich, sinnvoll und schlüssig? Hat das Unternehmen für Krisen vorgesorgt oder kippt es bei der ersten schwachen Brise? Zukäufe, Fusionen und Wachstum, wie allgemein oft genannt, sind keine Strategie. Hier geht es vielmehr um Innovation, Ausrichtung der Geschäftsfelder und Anpassung an künftig zu erwartende Entwicklungen. Bestes Beispiel sind die Banken in Deutschland. Der Markt ist seit Jahrzehnten mehr als gesättigt und die Margen bewegen sich auf einem gefährlichen Minimum. Trotzdem werden die Geldinstitute erhalten und Politiker hoffen auf eine bessere Zukunft. Ein Tanz auf einem Vulkan, wenn man die demographische Entwicklung in Deutschland in Verbindung mit Abwanderung von Industrie ins Ausland berücksichtigt. Oder nehmen wir die Automobilindustrie. Sie glaubte, durch immer mehr Elektronik und Spielereien ihre Fahrzeuge zu verbessern. Die Antriebstechnik blieb dabei auf der Strecke. Statt in neue Technologien zu investieren und sich auf Markterfordernisse einzustellen, bezahlte man lieber den Banken ungeheure Summen für Fusionen, die letztlich nichts brachten.

Investment
Bei den meisten Börsengängen wollen die Altaktionäre Kasse machen oder Konzerne ihren unliebsamen Töchter loswerden. Um den Schein zu wahren, gibt’s eine Kapitalerhöhung. Das so beschaffte Geld steht oft in keiner Relation zu Investitionen und Erfolgsaussichten (Telekom, Hypo Real Estate). Hier steht die Frage: Benötigt ein Unternehmen frisches Kapital und wenn ja, wofür? Anteile können sich aufgrund von Hypes unnütz verteuern. Kann eine Firma die Markterwartungen noch erfüllen? Ist die Branche gerade sehr gefragt, lohnt sich bei nüchterner Betrachtung oben genannter Punkte ein Investment meist nicht. Der Blick auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse trübt, sobald viel Kapital in eine gesamte Branche fliesst und sie überteuert ist. Ein Investor muss die Kraft haben, auch “Nein!” sagen zu können. Am Ende steht immer, was ein Investor an Substanz- und Ertragswert für sein Geld bekommt und welche Erfolgsaussichten seine Investition hat und was im schlimmsten Fall (worst case) passieren kann. Märkte schwanken. Entgegen Kostolanys Empfehlung, sich schlafen zu legen, gehören Investments zumindest jährlich auf den Prüfstand. Auch wer in Aktien investiert ist, muss immer wieder neu prüfen, ob die Kriterien, auf denen sein Aktienkauf ursprünglich beruhte, immer noch erfüllt sind, so wie es die Profis eben auch tun.

Letztlich sollte jeder ernsthafte Aktionär einige kaufmännische sowie fachliche Kenntnisse besitzen, Emotionen vermeiden, sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen und immer schön kritisch bleiben.

Foto: © Steve Woods / SXC


Dieser Artikel ist Teil 23 von 30 der Serie Ratgeber Geld: Vermögensaufbau



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