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Eine transparente Krankenversicherung muss her

Deutschlands Gesundheitssystem ist eine Katastrophe. Über verdeckte Zahlungsströme finanzieren jüngere Patienten die Behandlung der älteren, Privatpatienten die der Kassenpatienten und alle gemeinsam spenden an gierige Versicherungen und Pharma-Unternehmen. Eine umfassende Vereinfachung der Krankenversicherung ist daher längst überfällig.

Undurchsichtig – Die ärztliche Honorarabrechnung seit 01. Januar 2009
Ärzte rechnen ihre Leistungen für Kassenpatienten über Punkte ab. Ein Punkt entspricht dabei bundesweit 3,5 Cent (bis auf wenige Ausnahmen). Die Punkte meldet der Arzt an die Krankenkasse, die wiederum an die Kassenärztliche Vereinigung und je nach Anzahl der gemeldeten Punkte erhält der Arzt von dort dann sein Geld. Aber er hat pro Quartal und Behandlungsfall ein Budget – durch die Politik als Regelleistungsvolumen verklausuliert. Überschreitet der Arzt in einem Quartal oder in einem Fall sein Limit, dann verringert sich die Vergütung stufenweise. Gestaltet sich eine Behandlung einfacher als die Regelung vorgibt, dann könnte der Arzt trotzdem die volle Punktzahl abrechnen und mit dem zu erwartenden finanziellen Überschuss die Behandlung von Patienten fortsetzen, deren Punkte bereits aufgebraucht sind. Der Kassenpatient erfährt über die Abrechnung seiner Behandlung nichts.

Für Privatpatienten schreibt der Arzt eine Rechnung, die innerhalb von 14 Tagen bezahlt werden muss. Der Patient kann sich das Geld von seiner Privaten Krankenversicherung zurückholen. Die Abrechnung der Leistungen erfolgt dabei auf Basis der Gebührenordnung und je nach Schwierigkeit der Behandlung kann zum Beispiel der Zahnarzt den Betrag für eine Leistung mit einem Faktor von bis zu 2,3 multiplizieren. Die Höhe des Faktors muss zwar begründet sein, aber Mediziner sind in ihrer Argumentation gegenüber unkundigen Versicherungsangestellten sehr findig. Die Kontrolle liegt hier beim Patienten. Bietet seine Versicherung ein Bonussystem, kann er auf Erstattung eines Teils seiner gezahlten Prämien hoffen, wenn er das jährliche Limit für eingereichte Rechnungen unterbietet.

Folgen in der täglichen Arztpraxis
Aus den Vergütungsregeln ergeben sich Spielräume. Wenn ein Arzt für seinen Hausbesuch bei einem Kassenpatienten zum Beispiel 400 Punkte abrechnen kann, dann bedeutet das nicht, dass alle Hausbesuche gleich verlaufen müssen. Ebenso kann ein Zahnarzt bei einem Privatpatienten den Berechnungsfaktor in voller Höhe ansetzen, obwohl die Behandlung ohne die als Begründung angeführten Probleme verlief. Wer will das nachprüfen?

Und so ist es möglich, dass freie Spitzen im Budget der Kassenpatienten oder die Freizügigkeit von Privatpatienten zur Subvention von schwierigen Krankheitsfällen herangezogen werden, deren Kosten den üblichen Rahmen sprengen würden.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass zudem der Abrechnungsspielraum bei Privatpatienten manche Ärzte geradezu verleitet, eigennützig Preise am oberen Ende zu berechnen, was sich letztlich in höheren Tarifen für alle Versicherten niederschlägt.

Diese Honorarregeln begünstigen also nicht nur illegale Mauschelei. Auch werden die Aufgaben der Aktuare (Versicherungsmathematiker) auf die Mediziner abgewälzt.

Dramatische Verzerrungen
Schaut man sich die aktuellen Abrechnungsregeln an, so kann die Behandlung von schwerkranken Kassenpatienten zu Lasten von geschröpften Privatpatienten, gesünderen Kassenpatienten oder natürlich durch Steuergelder finanziert sein. Daran ist grundsätzlich nichts Verwerfliches. Der Skandal dabei ist, dass die solidarische Verteilung der Gelder, deren Gedanke jeder Versicherung zu Grunde liegt, auf den Schultern der Ärzte ruht und niemand dabei einen Überblick hat, wie hoch die Kosten unseres Gesundheitssystems wirklich sind und wie hoch sie nach professioneller Kontrolle sein würden.

Grundversorgung auf Gegenseitigkeit für alle und mit allen wäre eine Lösung
Wenn aber Privatpatienten, Gesündere und Steuerzahler jetzt schon die Behandlung schwerkranker Kassenpatienten direkt oder indirekt über Schattenhaushalte mitfinanzieren, wäre es dann nicht klüger, die alten Strukturen endlich aufzubrechen und eine für alle Bürger einheitliche sich selbst tragende Krankenversicherung als Grundversorgung zu schaffen? Die Vorteile sprechen dafür. So wäre diese neue Versicherung aufgrund ihrer Monopolstellung ein starker Verhandlungspartner auf Augenhöhe gegenüber der Pharma-Lobby. Die Medikamenten-Preise gingen in den Keller. Auf einer Grundsicherung würden erweiterte und qualitativ höhere Versicherungsleistungen modulartig aufbauen und den Bürgern die Freiheit geben, selbst zu entscheiden. Die Abrechnung könnte über Rechnungslegung und Bonussystem ähnlich wie bei der Privaten Krankenversicherung erfolgen, so dass alle Patienten die sonst nur den privaten vorbehaltene Kontrollfunktion ausüben und von Beitragsrückerstattungen profitieren würden. Die Qualität der Behandlung der Rentner wäre nicht mehr von der Anzahl der Privatpatienten einer Arztpraxis abhängig. Nicht zuletzt wäre eine solche Krankenversicherung transparent und berechenbar.

Foto: diekatrin / CC


Dieser Artikel ist Teil 15 von 19 der Serie Ratgeber Geld: Versicherungen - Tipps und Hintergründe



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