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Gesundheitstalk bei Anne Will – Brauchen wir so eine PKV?

Wer die private Krankenversicherung (PKV) verteidigt, war nie Privatpatient oder steht auf der Gehaltsliste eines Versicherers.

pills kapseln tablettenBei Anne Will stritten gestern Volker Leienbach (Direktor des Verbands der privaten Krankenversicherung), Jens Spahn (CDU) und Roland Tichy (WirtschaftsWoche) gegen Karl Lauterbach und Ines Pohl (taz) um die Antwort auf die Frage, ob es denn in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin gäbe.

Ja, in Deutschland gibt es eine Zwei-Klassen-Medizin. Nur sind meine Erfahrungen als Kassenpatient und als Privatpatient in unserem gespaltenen Gesundheitssystem das genaue Gegenteil von denen meines Kollegen Joachim Mohr beim Spiegel.

Gesundheitstalk als PKV-Werbeshow
Dass Volker Leienbach gestern für die private Krankenversicherung werben musste, leuchtet ein. Warum aber Jens Spahn und Roland Tichy so vehement für die PKV in die Bresche sprangen, bleibt rätselhaft. Wären die beiden Herren Spahn und Tichy nämlich selbst Privatpatienten, wüssten sie ebenfalls um die Abzocke durch gierige Ärzte und private Krankenversicherer. Dass Karl Lauterbach die Gesundhaeitspolitik unter Rot-Grün vorgehalten wurde, ist ideologisch nachvollziehbar. Ebenso, dass die drei Machos Leienbach, Spahn und Tichy der Chefredakteurin der taz Ines Pohl kaum Redezeit gewährten. Letztlch blieb die Gesundheitsdebatte bei Anne Will eine öffentlich-rechtliche Werbeveranstaltung für die private Krankenversicherung, die sich weder um die Patienten noch um die Fakten drehte.

Brauchen wir solch eine PKV-Abzocke?
Eine Versicherung für die viel beworbene Chefarztbehandlung ist ebenso nutzlos wie die für das Einzelzimmer im Krankenhaus. Beides hat mit Genesung rein gar nichts zu tun, sondern dient lediglich der Befriedigung der Versicherungsgesellschaft. Erstens hat der Chefarzt seine Abteilung zu leiten und wenn mal “die Hütte brennt” ist der meistens nicht verfügbar. Zweitens muss im Krankenhaus ein Einzelzimmer frei sein, um es zu belegen. Aber der Patient soll beides in Vorleistung bei seiner Versicherung bezahlen. Und was ist, wenn der Versicherte diese bereits bezahlten Leistungen nie benötigt?

Die bevorzugte Behandlung für Privatpatienten ist ein weiterer Gag der privat versicherten Werbeindustrie. Ich warte als Privatpatient genauso lange beim Zahnarzt wie jeder Kassenpatient auch. Dafür ist meine Rechnung aber doppelt so hoch, was sich letztlich in jährlich steigenden Versicherungsbeiträgen im zweistelligen Prozentbereich niederschlägt. In Streitfällen muss ich auch noch meinen Anwalt bezahlen, während der gesetzlich Versicherte durch seine Krankenkasse vor allzu gierigen Ärzten geschützt wird.

Auch wurde ich als Privatpatient pauschal und vor der Behandlung durch eine Dresdner Zahnärztin kriminalisiert, weil wir Privaten ja alle unter mangelnder Zahlungsmoral leiden und unsere Arztrechnungen gar nicht oder verspätet bezahlen würden. So viel zum Thema Service!

Kommen wir noch zum Ermessenspielraum, der private Arztrechnungen explodieren lässt. Schauen Sie sich die Leitsungskataloge der Ärzte an! Dort gibt es einen Faktor, mit dem der Arzt bei Bedarf den Basispreis einer Leistung um ein Vielfaches erhöht und meistens hat er dafür einen Bedarf. Das funktioniert nur bei Privatpatienten, denn die Krankenkassen erstatten fixe Kosten.

Ob sich daher eine private Krankenversicherung lohnt, muss letztlich jeder Patient für sich entscheiden. Ich empfehle sowieso, dabei nur Leistungen zu versichern, die auch wirklich zur Genesung beitragen. An der Notwendigkeit von Chefarzt, Einzelzimmer, 100 Prozent Erstattung für Zahnersatz und Brillengestell zweifle ich. Diese Versicherungsleistungen fördern nur Mitnahmeeffekte und treiben die Versicherungsbeiträge in die Höhe. Machen wir uns nichts vor. Keine Versicherung hat etwas zu verschenken, schon gar keine private. Auch wenn die Branche sich noch so fürsorglich präsentiert, sie will nur unser aller Geld.

Foto: Michael Chen / CC



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