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Der Westen opfert Ägyptens Demokratie seiner Paranoia

Ägyptens Staatschef Husni Mubarak könnte längst Geschichte und Israel in Sicherheit sein, wenn die USA und Europa sich auf die Seite der friedlichen Demonstranten geschlagen hätten.

Protest on Tahrir

Seit Beginn der Massenproteste der ägyptischen Bevölkerung gegen Mubaraks korruptes Terror-Regime am Dienstag fürchtet der Westen um den lebenswichtigen Suezkanal und – wie kann es auch anders sein – um israelische Siedler. Dass ein Volk mit mehr als 7.000 Jahre alter Tradition gerade auf friedlichem Wege dabei ist, sich erstmals seine Demokratie zu erkämpfen, scheint den Demokraten in USA und Europa egal.

Demokratie für 84 Millionen Ägypter? Es geht um viel mehr! Es geht um unsere Wirtschaft, um unseren Wohlstand und um unsere Versorgungssicherheit. Wie weinte Springers Welt Online vor ein paar Tagen?

“Umsturz könnte Steuerzahler Millionen kosten”,

weil der Bund mit seinen Hermes-Bürgschaften für Exportausfälle haftet. Ob die Welt-Online-Redaktion ihre kleinbürgerlichen Bedenken auch den Angehörigen der mehr als 300 Toten ins Gesicht sagen würde? Es geht aber auch wieder einmal um Öl, welches den Suez-Kanal passieren muss, um unsere Benzinpreise und unsere Handys.

Und es geht nicht zuletzt, um die Sicherheit israelischer Interessen und seiner Siedler in den besetzten Gebieten. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU) versicherten nach Beginn der Proteste reflexartig, natürlich unter der üblichen Beschwörung der gesamtschuldnerischen Haftung aller gestrigen, heutigen und künftigen deutschen Nachkriegsgenerationen am Holocaust, das Deutschland für die Sicherheit Israels bedingungslos eintreten würde. Nur nebenbei: Beim Auschwitz-Gasversorger I.G. Farben Industrie AG brennt noch immer Licht!

Solange diese unsere Interessen nicht hinreichend geschützt, verteidigt und durchgesetzt sind, wird es in Ägypten also keine Demokratie geben. Dabei hatte der Westen mehr als 30 Jahre Zeit seine Staatsdoktrin mit Flugzeugen und Panzern in Ägypten durchzusetzen, wie im Irak oder in Afghanistan. Dort waren die demokratischen Missionare ja auch nicht zimperlich.

Selbst jetzt, nach Beginn der Proteste hätten USA, Europa und Israel ein Zeichen setzen können. Aber sie tun es nicht. Nach dem Motto:”Tanz mit dem Teufel den Du kennst!” schwadronieren die grossen Freiheitskämpfer in Washington und Brüssel über “nicht schiessen” und “friedlichen Übergang”, was insofern zynisch ist, weil Mubarak bei bester Versorgungslage sich gerade anschickt, durch seine Schergen friedliche Demonstranten niederknüppeln zu lassen und Reformen zu verzögern. Vielleicht vergisst ja das ägyptische Volk bis zu den Wahlen im September dieses Jahres, dass sein Diktator nicht mehr kandidieren wollte.

Dabei wäre es so einfach gewesen, gegenüber der Opposition das Signal zu setzen: ”Wir entschuldigen uns für unsere falsche Nahost-Politik und stellen uns auf Eure Seite.” Das hätte bei Volk und Muslimen wesentlich mehr Wirkung erzielt als jede Drohgebärde vor einer möglichen Beteiligung von Muslimen in der neuen Regierung. Aber nein, der Westen nimmt für eine mit Knüppeln und Folter erzwungene Stabilität der Region lieber den Unwillen der Ägypter in Kauf, verspielt seine historische Chance und opfert die Freiheit eines ganzen Volkes seiner Paranoia.

Foto: Floris Van Cauwelaert / CC



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