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Thilo Sarrazin, meine Schulzeit war genauso toll!

In seinem Buch “Deutschland schafft sich ab” übt Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin (SPD) unter anderem scharfe Kritik am derzeitigen Bildungssystem Deutschlands. Sarrazin fordert eine Schuluniform sowie sichere Grundkenntnisse in Deutsch und Mathematik ab der vierten Klasse. Englisch sollte dagegen hinten an stehen. Damit spricht Sarrazin mir aus dem Herzen.

Irgendwie erinnern mich Thilo Sarrazins (SPD) Gedanken über seine eigene Schulzeit an meinen Opa. Der hielt mir auch immer vor, dass früher alles besser gewesen sei. Und irgendwie erinnern mich Sarrazins Vorstellungen von einer Gesamtschule an meine eigene Schulzeit in der DDR.

Ich konnte schon vor Aufnahme in die erste Klasse fliessend lesen. Meine Mutter bekam damals einen Rüffel von meiner Klassenleiterin, ich könnte mich im Deutschunterricht langweilen. Aber dafür las ich bereits mit sechs Jahren nachts heimlich unter der Bettdecke im Schein der Taschenlampe meines Vaters dicke Wälzer. Das war natürlich für meine Rechtschreibung von Vorteil. Auch mein Wortschatz hat sicher nicht darunter gelitten. Interpunktion halte ich nur in der Rechtssprechung für wichtig, sonst kann es zu wirklich bösen Justizirrtümern kommen: “Hängen, nicht begnadigen! Hängen nicht, begnadigen!”

Ich mochte die Mathematik zwar erst ab der neunten Klasse, weil wir in dem Fach dann damals einen der wohl besten Lehrer Dresdens erleben durften. Aber das Lösen mathematischer Probleme hatte auch in der Unterstufe seinen Reiz. Vor allem erzielte man als ABC-Schütze leicht Erfolge.

An unserer Polytechnischen Oberschule ging der Unterricht für die Unterstufe bis Mittag. Den Nachmittag verbrachten wir im Kinderhort. Fast die gesamte Klasse bestand aus Hortkindern. Wo sollten wir sonst hin, wenn unsere Eltern arbeiteten? Wer nicht in den Hort ging, war Hauskind und musste gleich nach der Schule nach Hause. Schlüsselkinder hatten ein Band mit ihrem Wohnungsschlüssel um den Hals. Etwas bemitleidenswert waren sie schon, die Haus- und Schlüsselkinder. Sie verpassten schliesslich unserere nachmittäglichen Abenteuer.

Dann war da noch die Quasi-Schuluniform der DDR. In der ersten Klasse wurden wir als Jungpioniere in die Pionierorganisation aufgenommen. Zu unserer Uniform gehörten blaues Schiffchen, weisses Pionierhemd, blaues Halstuch, blaue Hosen für die Jungs oder halt blauer Rock für die Mädels. Die Aufnahme erfolgte sehr feierlich mit Fackelzug und Lagerfeuer.

Nur einen Satz zu den immer wieder geforderten Fremdsprachen. Wer mit Schulabschluss weder seine Muttersprache noch die Grundlagen von Mathematik und Naturwissenschaften beherrscht, wird in seinem Leben keine Fremdsprache benötigen.

Nicht zuletzt noch ein Wort zum Sport. Während heutztage dicke Bewegungslegastheniker
neureicher Karrieristen ihren Nachmittag bei Pizza und Cola vor dem heimischen Computer verbringen, waren wir in diesem Alter sogar bei Eis und Schnee noch ins Fussballspiel vertieft oder fuhren im Sommer mit dem Rad über Land, um Erdbeeren zu klauen. Wer in meiner Schulzeit an Übergeicht litt, war wiklich so veranlagt. Angefressenes Fett gab es damals nicht.

Na schön! Die meisten unserer Eltern waren beide berufstätig. Wir gingen in eine Gesamtschule und lernten bei Zeiten lesen und rechnen. Unsere schmucke Uniform trugen wir nur zu besonderen Anlässen, wie dem Pioniernachmittag. Nur der Melder musste zumindest mit einem blauen Halstuch zum Unterrricht erscheinen. Aber trotzdem oder gerade deshalb wurde aus uns etwas Vernünftiges. Daher muss sich für jeden normal denkenden Bürger in Deutschland die Frage nach dem Sinn eines Bildungssystems stellen, in dem unser Nachwuchs nach 10 Jahren noch nicht einmal die Prozentrechnung beherrscht.



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