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Kreditfabrik – Chancen und Risiken

Die Banken, vor allem in Deutschland, haben ein Problem. Das Standardkreditgeschäft ist unrentabel, die Prozesse ineffizient. Abhilfe soll die Wunderwaffe “Kreditfabrik” schaffen. Kreditfabrik definiert sich als automatischer und elektronischer Backoffice, also die automatisierte Bearbeitung von Krediten und Hypothekendarlehen. Dafür stehen zwei Modelle:

  • eigene Mitarbeiter der Bank führen die Kreditbearbeitung durch eine Software durch (Application Service Providing – ASP)
  • ein externer Dienstleister übernimmt die Kreditbearbeitung (Full Processing)

Dabei kann die Prüfung und Kreditgenehmigung ebenfalls entweder durch die Bank oder den externen Dienstleister erfolgen. Bei letzterem erhält die Bank lediglich eine Vermittlungsprovision, führt den Kredit jedoch trotzdem in ihren Büchern, heisst in ihrer Bilanz.

Der § 25a Absatz 2 des Kreditwesengesetzes (KWG) lässt das sogar zu.

So! Eines dürfte ausser Frage stehen. Immer wiederkehrende Prozesse lechzen nahezu nach einer EDV-Lösung und nach Automatisierung. Dass sich die Bearbeitungsgeschwindigkeit erhöht und sich die Wartezeit des Kunden dadurch verkürzt, ist ebenfalls klar. Im Zweifel könnte man sogar die Kreditentscheidung durch die EDV durchführen lassen.

Damit sind wir bei den Vorteilen und Chancen einer Kreditfabrik:

  • schnellere Bearbeitung
  • gleich bleibende Qualität (Ich sage bewusst nicht bessere Qualität, denn Automatisierung beinhaltet dies nicht. Automatisierung extrahiert nur den Menschen aus dem Prozess. Werden Fehler programmiert, werden sie auch automatisch wiederholt.)
  • kürzere Wartezeit für den Kunden
  • Senkung von (Personal)-Kosten
  • Steigerung der Effizienz
  • Standardisierung

Was passiert jedoch, wenn der Kunde ein Wehwehchen hat? Er landet im Callcenter. Die netten Frauen dort können ihn nur über den aktuellen Status seines Antrages informieren, jedoch nicht wirklich weiterhelfen.

Der nächste Punkt heisst Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Die sagen nämlich, liebe Bank Du trägst die Verantwortung für Dein Kreditportfolio. Das beinhaltet periodische Revisionen und daraus folgende Massnahmen sowie Reporting an Vorstand und BaFin. Wenn jetzt ein externer Dienstleister die Bearbeitung und vielleicht sogar den Entscheidungsprozess übernommen hat, dann bringen Sie mal so einer “25.000-Euro-GmbH” bei, Ihnen deren Prozesse, Akten und das interne Regelwerk offen zu legen. Vergessen Sie’s!

Und was ist mit Work Out? Ich bezweifle nicht, dass die Bearbeiter in einer Kreditfabrik das notwendige Know How haben. Aber sie bearbeiten Kredite, die ihnen nicht gehören bei denen Geld herausgelegt wurde, was ihnen nicht gehört. Merken Sie was?

Und die Kunden solch einer Kreditfabrik sind nicht die Kreditnehmer, nicht die Bauherren, sondern die Banken und Sparkassen. Also der der eigentlich das Ganze bezahlt, ist gar kein Kunde von solch einer “Lean Production”. Merken Sie was?

Scoring ist ein heisses Thema, da hier der im Kreditgeschäft dringend notwendige gesunde Menschen- und Sachverstand ausgehebelt und auf Schwarz-Weiss-Entscheidungen reduziert wird.

Womit wir nun endlich bei den Nachteilen und Risiken angelangt sind:

  • Der Kunde bleibt zwangsläufig auf der Strecke.
  • Die Portfoliosteuerung wird erschwert.
  • Risiken in Kreditbearbeitung und Kreditüberwachung nehmen zu.
  • Kreditnehmerverbünde werden nicht oder nur schwer erkannt.
  • Sanierungen im Kundeninteresse entfallen.
  • Scoring ersetzt Fachkenntnis.
  • Fehler in der Bearbeitung oder bei der Festlegung der Parameter werden zu spät sichtbar.
  • Die Qualität der Entscheidung und der Bearbeitung wird nicht erhöht sondern deren Auswirkung nur verschärft.
  • Die Qualität des Credit-Risk-Managements verschlechtert sich.
  • Das Handling von Individualfällen ist nicht möglich.
  • Die Gefahr, dass Kreditgeschäft mit erhöhten fachlichen Anforderungen in falsche Hände gelangt, wird verstärkt.
  • Datenschutz und Bankgeheimnis bleiben strittig.

Fazit:
Die Kreditfabrik als juristisch personifiziertes Kreditrisiko dient einzig und allein der Gewinnmaximierung. Das funktioniert jedoch nur dann, wenn zufällig wenige Kredite ausfallen. Ansonsten wird’s für Banken und Sparkassen teuer. Dem Kunden aber hilft sie nicht. Im Gegenteil, durch die Zentralisierung wird die Distanz und Unpersönlichkeit gefördert. Frei nach dem Motto:”Gib uns Dein Geld, aber lass uns in Ruhe!”

Dazu abschliessend noch ein Zitat aus dem Dokument “Auf dem Weg zur perfekten Kreditfabrik – Das Projekt DiAmant” herausgegeben vom VR Kreditwerk Hamburg der Bausparkasse Schwäbisch Hall:

“Wenn ein Kunde bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall anruft, um sich zu erkundigen, ob sein letztes Schreiben bereits bearbeitet wird, wird er wahrscheinlich erfreut sein, wie rasch und unbürokratisch ihm Auskunft erteilt wird. „Ich habe Ihr
Anschreiben vor mir auf dem Bildschirm. Der Sachbearbeiter hat Ihre Anfrage gestern erhalten und mit der Bearbeitung begonnen“, wird er beispielsweise hören, ohne in Warteschleifen mit Musik vertröstet zu werden. Das Telefonat entpuppt sich als so umkompliziert und hilfreich, weil die Mitarbeiter des Kundenservicecenters alle wichtigen Informationen zu einem Dokument jederzeit digital zur Verfügung haben.”

Kein Kunde ruft seine Bank an und fragt, “ob sein Schreiben” bereits bearbeitet wird! Wenn der Kunde nachhaken muss, ist schon vorher etwas schief gelaufen. Und meine Kunden waren nie in einer Warteschleife sondern wurden sofort mit mir, dem zuständigen Kreditspezialisten und Kompetenzträger verbunden, um auf dem kurzen Weg eine schnelle Lösung zu finden. Das ist Kundenorientierung, eine “Kreditfabrik” jedoch nicht!

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