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Fall “Emmely” – Wie viel Vertrauen sind 1,30 Euro wert?

Nachdem das Bundesarbeitsgericht heute im Fall “Emmely” die fristlose Kündigung der Kassiererin aufgehoben hat, wissen wir zwei Dinge:

1. Wer 30 Jahre beim selben Arbeitgeber beschäftigt ist und einmalig 1,30 Euro klaut, braucht keine Kündigung zu fürchten und
2. Vertrauen und Vertrauensverlust dürfen gegeneinander aufgerechnet werden.

Das Urteil wirft Fragen auf. So liessen die Richter im Unklaren, wie Vertrauen zu bemessen ist. Eine Grundlage dafür zu definieren, ist objektiv auch kaum möglich, denn Vertrauen ist eine subjektive Emotion, die jeder Mensch anders fühlt, genauso wie der Fall “Emmely” umstritten und letztlich beim Bundesarbeitsgericht gelandet ist. Man kann sagen, dass die Kassiererin heute juristisches Glück hatte. Wäre ich langjähriger Kunde und eine Kassiererin würde sich verrechnen und dies auch noch abstreiten, dann hätte sie unabhängig vom Geldbetrag mein Vertrauen ihr gegenüber und gegenüber dem Supermarkt verspielt. Und wenn ein Kunde geht, nimmt er zehn weitere mit.

Zudem erklärte der Zweite Senat, der Arbeitgeberin sei ein nur geringer wirtschaftlicher Schaden entstanden. Von einem diesbezüglichen Gutachten ist nichts bekannt. So darf vermutet werden, dass primär gar kein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist, denn die 1,30 Euro hätte die Arbeitgeberin sowieso an die Kunden auszahlen müssen. Ob sich die Eigentümer der Pfandbons später noch gemeldet haben, ist jedoch ebenfalls nicht bekannt. Die Höhe eines wirtschaftlichen Folgeschadens für die Arbeitgeberin aus dem Vertrauensverlust der Kunden, nachdem der Fall öffentlich wurde, lässt sich schwer ermitteln. Aufgrund der Medienwirksamkeit unterstelle ich aber, dass sich dieser Schaden auf mehr als 1,30 Euro beläuft, was Kündigung und ihre Aufhebung in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

Wer mit Geld oder Waren anderer Leute arbeitet, muss zu einhundert Prozent zuverlässig sein, sonst müssten wir morgen alle unser Erspartes von Banken und Sparkassen abziehen und dürften nie mehr unser Auto in eine Werkstatt geben. Und betrachtet man die möglichen Auswirkungen von “1,30 Euro darf jeder mal”, dann hat das Bundesarbeitsgericht heute Wirtschaft und Gesellschaft keinen guten Dienst erwiesen, auch wenn dieser einzelne “Bagatell”-Betrag in der Buchhaltung der Arbeitgeberin kaum auffallen dürfte. Wie viel Vertrauens jemand einem anderen entgegenbringt, ist eine persönliche Ermessensfrage, die nicht auf juristischer Ebene geklärt werden kann.



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