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Internet bleibt Problem der Zeitungen

Verlage erreichen mit ihren Online-Zeitungen kaum Leser. Ohne News-Portale wie Google News sind sie völlig hilflos. Warum die Branche nicht auf die Beine kommt.

Am Kiosk waren die Verleger mit ihren Druckerzeugnissen unter sich und ihre Redakteure entschieden nach politischer Linie, was sie ihrer Zielgruppe vorsetzten. Im Internet gibt es dagegen unzählige Angebote von Experten und Amateuren. Der Leser kann sich daraus nach Belieben seine eigene Zeitung zusammenstellen und entscheidet erstmals frei, welche Informationen er konsumiert.

Profi-Journalisten sind im Internet auch nur Dilettanten

“Wir sind Papst!” titelte Bild am 20. April 2005 mit einem nahezu legendären Lehrstück einer Schlagzeile.

Aber so einladend diese Headline am Zeitungskiosk um die Ecke oder beim Bäcker über die Straße auch sein mag, steht sie doch für das Problem der gesamten konventionellen deutschen Medienlandschaft im Internet:

Eine Phrase, die (noch) niemand kennt, wird nicht gesucht und der Inhalt darunter nicht konsumiert.

Denn das Internet ist ein virtuelles Nachschlagewerk, ein Branchenbuch, ein Kaufhaus, ein Spielplatz und ein Stammtisch, aber kein Zeitungskiosk. Den wird es auch niemals werden, weil kein Nutzer die Milliarden an Webseiten so überblicken kann, dass ihm eine Schlagzeile – und sei sie noch sie toll – aus dieser Masse an Angeboten heraus ins Auge springen könnte.

Allein Nachrichten-Portale wie Google News mit einer Auswahl an Angeboten von Zeitungsartikeln und Agentur-Meldungen verhelfen Presseerzeugnissen im Internet überhaupt zu Lesern. Sie sind der erste Anlaufpunkt für Nachrichten-Konsumenten und nur wer in den oftmals endlosen Listen von Agentur-Meldungen mit ihren tausenden Kopien ganz oben steht, hat eine Chance bemerkt zu werden.

Quellen sind durch Internet für jedermann verfügbar

Ob Wurstfabrikant, Kegelverein oder Bundestag – alle erdenklichen Quellen sind im Internet für jedermann zu jeder Zeit in Sekundenschnelle erreichbar. Dank RSS und Newsletter kann jeder User beliebig seine gewünschten Informationen beziehen.

Zudem können Geschehnisse durch Betroffene an jedem Ort der Welt selbst dokumentiert und per Mausklick veröffentlicht werden. So zeigten die Auseinandersetzungen in Syrien dem Journalismus wiederholt seine Grenzen. Während durch Oppositionelle unter Lebensgefahr aus dem Land geschmuggelte Videos auf YouTube die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung schon sehr früh bewiesen, riefen Fernsehjournalisten, dass sie erst noch prüfen müssten, ob die Leichen auch echt seien, was aber zu gefährlich wäre.

Wer zudem im Internet etwas zu sagen hat, stellt seine eigene Webseite, den eigenen Video-Kanal oder sein Foto-Album online. Warum also soll der Nutzer politisch auf Linie getrimmte Partei-Zeitungen lesen müssen, wenn er sich bei den Quellen direkt informieren und so seine Meinung erstmals wirklich frei bilden kann?

Qualität leidet unter Partei-Linie und Kommerz

Journalisten wenden an dieser Stelle immer gerne ein, dass Nachrichten gefiltert und reflektiert sein müssten, bevor man sie dem Konsumenten zumuten könne und schon dies journalistische Arbeit sei. Die Redaktionen filtern und reflektieren natürlich nicht aus Sorge um die wertvolle Zeit oder dem geistigen Wohlbefinden ihrer Zielgruppe. Wie die inzwischen zahlenmäßig von vier auf fünf angewachsenen Grundsätze des Axel-Springer-Verlages belegen, sind Redakteure zum einen knallharten politischen Interessen verpflichtet. Zum anderen unterliegen sie selbstverständlich einem kommerziellen Zwang. Die Zeitungsmacher können daher nicht immer Informationen in der nötigen Qualität und Geschwindigkeit liefern, wie sie der Konsument sich wünscht und braucht.

Nur wenige Nutzer werden durch Presse erreicht

Bild.de klopft sich ja bei jeder Gelegenheit stolz auf die Brust, wie viele Leser sie doch habe. Wer sich auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) – einem Zusammenschluss von Verlegern unter Führung der Bild-Herausgeberin Axel Springer AG – umschaut, könnte tatsächlich darüber ins Staunen geraten, dass beispielsweise Bild.de Mobile im Jahr 2011 mit 1,2 Millionen Lesern pro Woche 6,9 Prozent der rund 17 Millionen mobilen Internet-Nutzer erreichte und Rang 1 unter den mobilen Auserwählten belegte.

Fakt ist jedoch, dass die nach eigenen Angaben größte Tageszeitung Europas laut AGOF mit ihrer mobilen Reichweite von nur 168000 Besuchern pro Tag nicht nur fast alle der 17 Millionen mobilen Nutzer Deutschlands sondern insgesamt auch nahezu alle der 51 Millionen deutschen Internet-Nutzer nicht von ihrem mobilen Angebot überzeugen konnte. Über die anderen AGOF-Mitglieder brauchen wir erst gar nicht reden.

Im konventionellen Online-Bereich sieht es nicht besser aus. Bild.de rangierte nach AGOF-Angaben im Januar 2012 mit gerade einmal 479000 Besuchern pro Tag als reichweitenstärkstes Presseerzeugnis nur auf Platz 6. Von 51 Millionen deutschen Internetnutzern erreicht die Spitzenreiterin im Online-Print-Bereich wiederum mehr als 50 Millionen nicht.


Dieser Artikel ist Teil 45 von 58 der Serie Medienkritik



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