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Kreditklemme: FTD auf Bild-Niveau?

Mit Zahlen ist das immer so eine Sache und mit der Statistik sowieso. Financial Times Deutschland (FTD) präsentiert uns einen Rückgang des gesamtdeutschen Kreditbestandes im ersten Quartal dieses Jahres von 2,7 Milliarden Euro, bereinigt um Finanzdienstleister und Wohnungsbau, als “Nachweis” für eine “Kreditklemme”. Die Kreditwirtschaft bezieht jedoch in ihre 31,1 Milliarden Euro als “Beleg” für einen “Anstieg der Kredite” die Finanzdienstleister mit ein und erklärt, alle seien ausreichend versorgt. Also, wer lügt jetzt?

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Der gesamtdeutsche Kreditbestand betrug im ersten Quartal 2009 nach offiziellen Angaben der Bundesbank 1.363 Milliarden Euro. Rechnen wir die Finanzdienstleister und die Wohngrundstücke heraus, erhalten wir eine Summe von rund 300 Milliarden Euro. Ein gewaltiges Kreditportfolio, welches in ständiger Bewegung ist. Kredite werden aufgenommen, umgeschuldet, zurückgezahlt, abgeschrieben, gehandelt nachgefragt oder nicht abgenommen. Es gibt also neben einer “Kreditklemme” gerade in der Wirtschaftskrise tausend weitere Gründe für den Rückgang des Kreditbestandes, wie verschobene Investitionen, Insolvenzen, Verschlechterung von Bonitäten und Ratings, fehlende staatliche Förderungen, Versagen ganzer Märkte.

Zudem ist “Kreditklemme” ein sehr subjektiver Begriff. Der eine spricht davon, sobald eine Bank die Zinsen erhöht oder ein paar Unterlagen mehr haben will, für den anderen bedeutet “Kreditklemme”, wenn er gar keinen Kredit bekommt.

Des Weiteren belegen die Angaben der Bundesbank, dass die Kredite an Unternehmen und wirtschaftlich selbständige Privatpersonen bereinigt um Finanzdienstleister und Wohngrundstücke im ersten Quartal 2009 um rund 3 Milliarden Euro zunahmen. Das ist gegenüber dem Zuwachs im vierten Quartal 2008 um rund 19 Milliarden sicher ein starker Rückgang. Wenn man jedoch die Historie betrachtet, dann sieht man, dass dieses Quartal wie das Jahr 2008 insgesamt konjunkturbedingt von sehr starker Kreditnachfrage geprägt war.

Dennoch besitzen solche Zahlen keine Aussagekraft und von “vertuschen”, wie FTD es der Kreditwirtschaft unterstellt, kann schon gar keine Rede sein.

Was mich zudem irritiert, ist die reisserische Aufmachung des Artikels, mit der sich FTD auf das Niveau einer Boulevardzeitung begibt. Bislang hielt ich dieses Blatt für eine der seriöseren Quellen, aber der Artikel hat mich eines Besseren belehrt. Und wenn Ihr schon mit Springer konkurrieren wollt, dann macht es gefälligst richtig und setzt ein Fragezeichen hinter die Headline, sonst glaubt noch jemand das Zeug!


Dieser Artikel ist Teil 16 von 58 der Serie Medienkritik



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