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Recherche: Internet vs Archiv

Was Internetportale und Suchmaschinen von Archiven lernen können:

Wissen wird nur dann zur Information, wenn es für den Nutzer relevant ist. Nach diesem Grundsatz sind Archive aufgebaut. Der Interessent wird während seiner Recherche weder abgelenkt noch mit kommerziellen Angeboten überhäuft. Das Internet bietet dem Nutzer eine Unmenge an Wissen. Ob die Angebote jedoch auch Informationen beinhalten, erfährt er erst, nachdem der die Webseite aufgerufen und zumindest quergelesen hat. Dabei surft er auf kommerzielle Inhalte und wird durch Werbung, Nachrichten oder Unterhaltung abgelenkt. Das kostet Zeit, ist frustrierend und wenig hilfreich.

Logik des Archivs
Wer früher zu einem Thema Informationen suchte, fand sie in einem verstaubten Archiv. Dessen Strukturen sind klar und logisch standardisiert. Entweder man kannte das Medium (Buch, Zeitschrift), dann fand man es unter einer nach Titeln alphabetisch geordneten Kategorie oder man blätterte in der Kartei und erhielt durch bibliographische Beschreibungen einen ersten Überblick über die Inhalte. Zur Not hilft der Archivar. Alle Quellen sind gleichberechtigt.

Chaos im Internet
Im Internet ist das anders. Zwar indizieren Suchmaschinen, wie Google, vollständige Inhalte. Bei der Suche erhält der Nutzer jedoch nicht zuerst, was seiner Abfrage thematisch am nächsten kommt, sondern wessen Webseiten der Allgemeinheit am besten gefallen, welche Seiten für Suchmaschinen optimiert sind oder wessen Ranking finanziell gepusht wurde. Selbst Webkataloge, wie Yahoo, nutzen wenig, da weder eine vernünftige Kategorisierung noch eine aussagekräftige Beschreibung der Inhalte vorhanden ist. Letztlich muss der Nutzer selber genau wissen, wonach er sucht, denn anhand der Suchergebnisse erfährt er nicht, welche Informationen eine Webseite wirklich beinhaltet und welche weiteren Themen noch relevant sein könnten.

Beispiele
Wer sich als Laie zum Beispiel umfassend über Immobilien und deren Finanzierung informieren möchte, findet über Suchabfragen lediglich Fragmente, die mühsam zusammengetragen werden müssen. Hinderlich dabei sind unzählige kommerzielle Angebote, die kaum informieren und lediglich ihre Produkte anbieten (Baufinanzierung, Immobilien). Dass bei Erwerb oder Neubau von Immobilien einiges zu beachten ist und sich mögliche Fallen ergeben, darauf muss der künftige Bauherr schon selber kommen. Interessant dabei ist, dass Suchergebnisse, die Aufklärung versprechen, letztlich auf Bücher oder Fachzeitschriften verweisen.

Zurück zum Archiv. Abgesehen davon, dass ein Archiv keine Zettel sammelt, auf denen Makler ihre Häuser oder Zinsvergleiche preisen, würde der Nutzer dort anders vorgehen. Er würde zunächst nach Immobilien suchen, danach nach Arten (Einfamilienhaus, Eigentumswohnung), dann nach Neubau oder Kauf und schliesslich nach Finanzierungsmöglichkeiten. Erst dann würde er auf das Branchenbuch zugreifen, um sich über Anbieter zu informieren. So wäre die logische Vorgehensweise. Schon in den bibliographischen Beschreibungen erfährt er nebenbei, dass Häuser vermietet werden, der Kapitalanlage oder Altersversorgung dienen, dass es Massivbau und Fertigbau sowie staatliche Fördermöglichkeiten gibt, was weiterführend wichtig sein kann.

Oder nehmen wir ein Beispiel aus dem Maschinenbau. Wenn ein Ingenieur nach einer günstigen Schraube sucht, wird er sich zunächst über die Normen gemäss DIN nach Arten, Grössen, Formen und Materialien informieren und die für seine Verbindung passende auswählen. Danach sucht er sich im Branchenbuch einen Anbieter. Im Liefervertrag bräuchte er nun lediglich die Nummer der Schraube und die Stückzahl angeben und jeder Hersteller wüsste, welche er zu fertigen und zu liefern hätte. Das wäre die Logik eines Archivs. Die Logik des Internets überhäuft den Nutzer jedoch zunächst mit Herstellern und Händlern. Welche Schrauben aber generell erhältlich sind, erfährt er nicht.

Eine weiteres Beispiel betrifft Google. Wer in Googles Blog-Suche nach Meinungen der Graswurzel-Journalisten sucht und dabei nach Relevanz sortiert, wird inzwischen mit Nachrichten aus den Internet-Angeboten der Printmedien und kommerziellen Inhalten der Vertriebsportale überhäuft, die oftmals keine Blogs sind. Das ist die Folge von automatisch indizierten und ungeprüften Webseiten.

Klare Struktur von Internetportalen
Um dem ursprünglichen Anspruch des Internets auf Austausch von Information gerecht zu werden, müssten meines Erachtens Internetportale völlig anders strukturiert sein. Hersteller und Händler sind vom übrigen Informationsangebot zu trennen. Sie gehören nach Kategorien alphabetisch geordnet in ein Branchen-Portal. Eine weitere Gruppe wäre Kunst und Unterhaltung. Allgemeine Lexika, wie Wikipedia, oder Fachlexika sowie Internetangebote von Fachzeitschriften und Webseiten mit rein informativen Inhalten gehören in eine eigene Gruppe zusammengefasst. Dabei muss jede Gruppe nach Themen kategorisiert und alphabetisch geordnet sein. Ihre Inhalte müssen in den Suchergebnissen hinreichend bibliographisch beschrieben werden. Des Weiteren ist für den Nutzer das Datum der Erscheinung und nicht das Datum der Indexierung relevant.

Vorteile für alle Beteiligten
Dabei würde ein so strukturiertes Internetportal die Vorteile eines verstaubten Archivs mit denen der modernen Archivierungs- und Recherche-Methoden verbinden. Der Nutzer könnte präzise nach Titeln, Verfasser oder Erscheinungsdatum suchen oder sich gezielt durch Haupt- und Unterkategorien und Themen hangeln. Durch weniger Ablenkung, wäre eine Recherche wesentlich effizienter und die Ergebnisse glaubwürdiger. Die Betreiber der Webseiten müssten mehr auf qualitativen Inhalt achten. Unnötige Redundanzen würden minimiert. Nicht zuletzt wäre eine Finanzierung durch themenrelevante Werbung für alle Beteiligten effektiver.

Das Internet lebt. Es verändert sich ständig. Vielleicht rückt dabei irgendwann auch wieder der Nutzer in den Mittelpunkt.

Foto: © Ann- Kathrin Rehse / SXC



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